Heilige Dunkelheit

über Augenbinde, Hingabe und Transformation

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Artikel geschrieben von Aernoudt Knecht

 

Wenn ich eine Augenbinde trage, dann meistens während eines Trancetanzes, der ungefähr 1,5 Stunden dauert. Meistens ist das ausreichend um ein gewisses Maß an Hingabe zu erreichen, sodass Heilung, Inspiration und Transformation stattfinden können. Letzten Herbst bin ich einen großen Schritt weitergegangen. Ich habe mich einige Tage lang ununterbrochen der Dunkelheit hingegeben um den Effekt davon zu untersuchen.

 

Hingabe an Dunkelheit


Ich sitze auf dem Rand meiner Matratze, und bin umringt von Stille und Dunkelheit. Ist es noch Nacht? Ich habe keine Ahnung wie spät es ist, oder gar welcher Tag. Ich bin nun ungefähr 4 Tage in totaler Dunkelheit. Ich sage ‚ungefähr’, denn ich kann es nicht mehr genau sagen, zählen ist nicht mehr möglich. Nach einigen Tagen in Dunkelheit verliert dein Bewusstsein jegliche Anhaltspunkte. Die Matratze, die ich unter mir fühle, ist so ziemlich das einzige woraus ich ableiten kann, dass es mich wirklich noch gibt. Ich lausche nach dem Rhythmus meiner Atmung und starre ins Dunkle.

 

Vor ungefähr einem Jahr meldete ich mich an für eine Dunkelheit-Retraite. Mein guter Freund und Kollege, Roel Crabbé, erzählte mir von Naomi Lewis und Simon Buxton, ein Paar, das Menschen, in der Nähe von einem alten Druidischen Kraftplatz in Großbritannien, tiefgehend initiiert in die Dunkelheit. Ich bin es zwar gewöhnt eine Weile mit einer Augenbinde im Dunkeln zu tanzen, und die Chance meine Beziehung mit der Dunkelheit wirklich zu vertiefen, habe ich mit beiden Händen ergriffen.

 

Was bleibt vom Bewusstsein übrig wenn man den Kontakt mit der sichtbaren Welt eine längere Zeit loslässt? Ich liebe es, mein Bewusstsein extremen Umständen auszuliefern. So funktioniert es nun mal wenn man wirklich etwas lernen will. Wir haben letztendlich auch wenig über das Atom gelernt durch es nur ruhig anzuschauen. Nein, wir haben einen Teilchenbeschleuniger gebaut, der es in Stücke zerschlägt, wodurch wir an den herumfliegenden Brocken sehen können, wie es in Wirklichkeit ist.

 

Verblendet durch Licht

Auf dem Gebiet von Ritualen und Workshops, worin Els und ich arbeiten, wird dem Licht auffallend viel Aufmerksamkeit geschenkt. Es gibt besonders viele Leute die „mit Licht arbeiten“ und mit Termen wie „Erleuchtung“ ist das Licht in unserer Kultur zu einem Symbol für das Gute geworden. Der Wert der Dunkelheit ist enorm „unterbeleuchtet“, und die Dunkelheit ist sogar ein Symbol für das Böse geworden. In unserer Kultur suchen wir vor allem Möglichkeiten um die Dunkelheit zu bekämpfen. Und das, derweil Existenz eine Abwechslung zwischen hell und dunkel ist. Durch die Art und Weise wie sich unser Planet durch das All bewegt, und den Tanz den sie, zusammen mit der Sonne, macht, ist immer ein Teil aller Menschen im Dunkeln, und ein Teil im Licht. Jeder Tag endet mit Dunkelheit...und jeder Tag wird aus Dunkelheit geboren.

 

Wir sind so sehr auf Licht gerichtet, dass wir eigentlich ‚verblendet’  sind. Aber je mehr wir uns zum Licht hin bewegen je grösser der Schatten hinter uns wird. Jeder Schritt zum Licht hin geht gepaart mit und folgt sogar erst NACH einem Schritt in die Dunkelheit. Die Dunkelheit war immer zuerst, berichten uns  die großen Schöpfungsgeschichten. Oder, wie Philosoph Pliny einmal sagte (in Darkness Visible): „vor dem Bau eines großen Tempels muss man erst tief graben, und ein starkes Fundament machen.“ Und so sind auch die hohen Äste eines Baumes gegen Sturm und Wind geschützt durch die, tief im Dunkeln der Erde verankerten Wurzeln. Einer neuen Welt geht immer Dunkelheit voraus; ein undifferenzierter Zustand worin Gott alles ist, alles Gott ist, und alles EINS ist. Dunkelheit ist die Mutter der Mütter, die Wiege woraus alles entsprossen ist, sogar das Licht.

 

Heilige Dunkelheit – damals und heute


Unsere Beziehung mit der Dunkelheit ist übrigens nicht immer so schlecht gewesen. In früheren Zeiten, als unsere Gesellschaft noch nicht durch männliche Dominanz regiert, sondern dem tragenden weiblichen Prinzip verehrt wurde, hielten wir unsere Rituale vor allem nachts und in dunklen Grotten. Wir erkannten den Wert der transformierenden Kraft der Dunkelheit. Auch später, in der Zeit der Druiden, verbrachten die Keltischen Barden viel Zeit in der Dunkelheit. Und auch in alten mittelalterlichen Klosterzellen war es überwiegend dunkel.

 

In unseren Tänzen und Ritualen schöpfen wir Inspiration aus verschiedenen Kulturen um uns herum, worin der Wert der Dunkelheit noch erkannt wird, und worin sie eine große Rolle spielt bei Initiierungen und Ritualen. So verbringen die „Schamanen-lehrlinge“ bei den Kogi eine lange Periode in Dunkelheit. Und auch im Voudou werden Menschen mit Hilfe einer Augenbinde initiiert.

 

In vielen schamanischen Kulturen beginnt ein Ritual erst nach Sonnenuntergang, oder sobald die Hütte geschlossen ist und die Teilnehmer in die gebärmütterliche Dunkelheit eingetaucht sind. Auch in unseren heutigen Trancetänzen benutzen wir eine rituale Augenbinde. Somit bekommt der Geist eine Chance um in seinen ursprünglichen Zustand, worin es keinen Unterschied zwischen dem Selbst und der Welt um einen herum, zurückzukehren.

 

In der Dunkelheit werden wir zu Sehern


Kinder können erst ab einem bestimmten Alter einen Unterschied zwischen sich selbst und dem anderen Kind machen.  Ab diesem Moment beginnen unsere Ängste, beginnt die Einsamkeit unserer irdischen Existenz, und möchten wir zurück zu der Glückseligkeit der Einheit. Durch in die Dunkelheit einzutreten nimmt das Gezeter in deinem Kopf ab, und erlebst du das Leben wieder so wie du es ursprünglich angetroffen hast: als ein Meer von Energie, vorbei jeglicher Form.

 

Die Essenz ist: dich in der Dunkelheit, na einigem Kampf und Zögern, langsam in eine andere Welt sinken zu lassen. Das Ego probiert sich in erster Instanz, via einen Gedankenstrom und Zeitbewusstsein, in Stand zu halten, aber nach einer Weile löst sich das auf. Alles verzögert sich und es wird stiller im Inneren. Der rationelle Geist löst sich auf, du kommst in den heutigen Moment und wirst wieder ein Teil des Ganzen. Du kommst in Kontakt mit der vollen Skala deiner Sinnesorgane, und erlebst einen tiefen Kontakt mit dir selbst. So bist du auch imstande um eine neue und andere Zukunft zu betreten, so wie du sie dir vorstellst in deinem tieferen Kern, und nicht als Folge von Regeln, Kadern und Vorschriften von anderen.

 

Eine mögliche Definition eines „Schamanen“ ist: „ jemand, der im dunkeln sehen kann“ . Wir befinden uns in einer Zeit, wo die Schleier dünn sind, wo alles schneller geht. Jetzt, wo der moderne Mensch immer mehr feste Formen beginnt zu übersteigen, und heutige Schamanen ihr komplexes Gewand abgelegt haben, bleibt oftmals nur noch die Augenbinde als pure Essenz übrig.  Eine Augenbinde ist EINE der wichtigsten heiligen Werkzeuge um die Dunkelheit zu betreten.

 

Der Tänzer mit Augenbinde

Und da sitze ich dann, auf dem Rand meiner Matratze. Weil ich den Wert der Dunkelheit, durch das Tanzen mit einer Augenbinde, gut kenne, kann ich mich dieser leicht hingeben. Ich lausche nach dem Rhythmus meiner Atmung, und starre geradeaus ins Dunkle. Auch wenn ich mich ab und zu frage welcher Tag heute ist, und wie spät es sein könnte, eigentlich spielt es keine Rolle. Ich bin überwiegend gedankenlos, und werde mir plötzlich davon bewusst, dass der Raum zwischen den Gedanken enorm zugenommen hat. Es ist eine tiefgehende Ruhe in mir entstanden, wie ich sie noch niemals zuvor erlebt habe. Es ist eine Leere entstanden die Platz schafft für eine neue Sehensweise, neue Einsichten und neue Inspiration.

 

Die Dunkelheit hat mir in den Tagen, dass ich im Dunklen war innig zugesprochen. Und sie sprach nicht zu meinem Kopf, sondern zu meinem Herz. Ich habe von ihr gelernt wie ich ‚wirklich’ sehen kann, nicht mit meinen Augen, sondern mit meinem Herz und meinen anderen Sinnesorganen. Ich habe die Dunkelheit intensiv untersuchen können, und entdeckt, dass ich mich sehr vertraut und sicher in ihrem Reich fühle. Seit meiner Rückkehr ins Licht erfahre ich eine neue Sensation von Bestimmung und entscheide ich mich dafür ein „Botschafter der Dunkelheit“  zu sein. Lege einfach mal eine Augenbinde an wenn du bei uns mittanzt, und du wirst sehen: der leere Raum im Dunklen ist ein Ozean voller alter Erinnerungen und unerschöpflichen Möglichkeiten.

 

 

Aernoudt Knecht © december 2010

 

 

 

Mehr lezen?

Mehr lesen? Neben meiner persönlichen Erfahrung mit Dunkelheit, war auch das Buch „Darkness Visible“, geschrieben von Simon Buxton und Ross Heaven, ein wichtiger Informationsbrunnen für diesen Artikel. Ein echter Tipp, wenn dich dieses Thema interessiert.

 

 

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5-Tage-Retreat: 'Sehen in der Dunkelheit'

 

 

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